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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

07.09.2026


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs

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Die Pampa -eine Augenweide:
Die Pampa, die so viel wie Ebene oder Feld bedeutet, ist eine weite, flache und baumarme Graslandschaft im südöstlichen Südamerika. Sie erstreckt sich von Südbrasilien über den Großteil von Argentinien und ganz Uruguay.

In der Pampa pflegen Mennoniten das deutsche Erbe
Der Pferdeflüsterer



 

 

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

 



Hier
 

 

Einwanderung und Anfänge

der Mennoniten in Brasilien

Teil 21

    

    Dieser Brief (26. August 1936) aus der Mennonitischen Rundschau ist wie eine schriftliche "Fotografie" der vor 6 Jahren eingewanderten Mennoniten in Brasilien.

Ein Brief aus Brasilien

    Unser Gott ist im Himmel, und alles muss gehen, wie Er will, Zeiten, Menschen, alles ist in Seiner Hand. Auch jetzt, wo es scheint, als wenn alles untergehen will, und besonders in der alten Heimat, sitzt Er dennoch am Ruder und sieht und achtet auf alles. Nichts wird bei Ihm in Vergessenheit geraten. Er wird die Ungerechtigkeit bestrafen, aber Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere.

    Wie die Zeiten eilen! Die Ernte hier in Brasilien ist eingeheimst. Es ist in diesem Jahre eine mittelmäßige, und zuweilen will der Blick in die Zukunft düster erscheinen, bei manchem. Doch der Herr, der soweit geholfen hat, der wird auch weiter sorgen. Gehungert hat noch niemand, wenn auch nicht immer alles ist, wie man es sich wünscht.

    Das Erntedankfest liegt auch wieder hinter uns. Der Herr denkt an uns und segnet uns, können wir doch sagen, wenn auch die Ernte nicht so ausgefallen, wie man es sich wünscht. Das Erntedankfest war gut besucht, und auch eine dankbare Stimmung war da.

    Vor großem Unglück hat der Herr uns auch bewahrt. Hatte selber das Unglück, mein Bein zu brechen. Das Bein, d.h. der Knochen, ist geheilt, aber - der Herr sagte: Noch ein wenig mehr. Habe jetzt solch schlimmen Rheumatismus bekommen.

 Hat schon jemand von den Lesern Gebrauch von der Kette gegen Rheumatismus gemacht, welche in der Rundschau angezeigt ist. Ob sie hilft? Bitte, lasst mir wissen.

    Vorigen Sonntag war hier die Hochzeit von Hans Boschmann und Helena Federau. Hans wurde im vorigen Jahre bekehrt und Lena kam mit ihren Eltern von Charbin hierher, sie ist auch neu Eigentum.

    Die Versammlungen werden auch besucht, auch die Jugendversammlungen. Aber auch der Feind ist auf dem Platz, und die Kämpfe bleiben nicht aus. Gottlob, es kommt die Zeit, wo Jesus, unser Friedensfürst, regieren wird. Dann wird Ruhe sein.
A. G. R.

MR 1936-08-26

    Die „alte Heimat“ ist noch immer gegenwärtig, die Harbiner Mennoniten integrieren sich (siehe die Hochzeit) und die Not umgibt die Siedler von allen Seiten: Die Ernte wird als „mittelmäßig“ beschrieben und der Blick in die Zukunft erscheint „zuweilen düster“. Dies zeigt, wie beschwerlich die Anfänge der Urwaldrodung und der Landwirtschaft in Brasilien waren.

    Der Verfasser hatte einen Beinbruch erlitten und leidet nun an schwerem Rheumatismus. Seine Erkundigung nach der „Kette gegen Rheumatismus“ illustriert die eklatante medizinische Unterversorgung im Urwald: Mangels Ärzten griff man nach jedem Strohhalm. Womöglich hoffte man, dass durch den Hautkontakt und den Schweiß ein schwacher Strom erzeugt würde, der Entzündungen und Schmerzen „ableiten“ oder lindern könne.

    Trotz aller Sorgen bleibt der Glaube an Gottes Vorsehung die zentrale, Halt gebende Kraft. Die Aussage „Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere. Er wird die Ungerechtigkeit bestrafen ...“ (mit Blick auf die Lage in Russland) deutet auf das Aushalten von Unrecht hin – ganz im Sinne des wehrlosen, pazifistischen mennonitischen Glaubens, der die Vergeltung Gott überlässt.

    Neben der Sorge stehen Bescheidenheit und Dankbarkeit: Obwohl die Ernte keineswegs ideal ausfiel, betont der Verfasser: „Gehungert hat noch niemand ...“ Das Erntedankfest wird als zentrales Gemeinschaftserlebnis hervorgehoben, das Trost und Zuversicht spendet.

    Vieles hat sich seit jener Zeit verändert. Eines aber ist geblieben: der geistliche Kampf – „Aber auch der Feind ist auf dem Platz ...“




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Auf den bisherigen Landkarten schien z.B. Grönland beinah so gross wie Afrika zu sein. Es ist aber 14 mal kleiner, was durch die neue Weltkarte klarer wird.

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Âncora 1

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 20

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

     Als ich in mein Hotel zurückkehre, erwartet mich in der Halle ein ehemaliger Witmarsumer — Jakob Peters. Ein hochgewachsener junger Mann erhebt sich und kommt auf mich zu. Ich sehe in ein klares, entschlossenes Gesicht; dieses ruhige, verinnerlichte Wesen nimmt sofort für sich ein, und ich habe den Eindruck, dass dieser junge Mann seinen schicksalhaften Weg nicht verfehlen wird und dass er sicherlich gewohnt ist, seine Ziele zu erreichen.

     Peters war vor einigen Jahren zusammen mit Richard Kornelsen und Peter Braun auf eine abenteuerliche Weise über den Kaukasus nach Persien gelangt und hatte sich von dort durch Herrn B. H. Unruhs Vermittlung nach Deutschland durchgeschlagen. Von Mölln musste er mit einer Gruppe nach Brasilien gehen.

     Aber sein brennender Wunsch, schließlich doch noch auf eine deutsche Hochschule zu kommen, lässt ihm keine Ruhe. Er beendigt das deutsche Lehrerseminar in São Leopoldo und wird Lehrer in der deutschen Schule zu Campinas. Nun haben wir in São Paulo ein Zusammentreffen vereinbart, um gemeinsam die Möglichkeiten des Studiums in Deutschland zu erörtern.

     Da ich schon am anderen Tage weiterreisen will, fahren wir sofort hinaus in das bekannte Seemuseum, das außerordentlich reichhaltig sein soll. Leider ist es geschlossen; aber Peters, der gut Portugiesisch spricht, weiß Rat. Er lässt sich beim Direktor melden und stellt mich dort, wie er mir später beichtet, als berühmten deutschen Forscher vor, der die Sammlungen unbedingt kennenlernen wolle. Unter solchen Umständen erklärt sich der Direktor liebenswürdig bereit, eine Ausnahme zu machen.

     Und der Besuch lohnt sich tatsächlich. Was hier an Fischen, Algen, Schildkröten und anderem Getier zusammengetragen wurde, ist wirklich sehenswert und wird nicht so bald übertroffen.

     Peters führt mich auch zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, dann sitzen wir abends lange im Cafe, und ich zeige dem mutigen Landsmann die Wege auf, die eine ganze Reihe russlanddeutscher Studenten in Deutschland bereits gegangen ist und die vielleicht auch ihn zum Ziele führen könnte.

     Heute studiert Peters bereits das zweite Jahr in Berlin, um nach beendigtem Studium seine vervielfältigte Kraft unseren Volksgenossen in Brasilien wieder zur Verfügung zu stellen.

     Am anderen Morgen erscheint Peters schon früh in meinem Hotel und begleitet mich an die Bahn. Die Fahrt nach Rio de Janeiro soll gut zwölf Stunden dauern; ich sitze wieder am Fenster und genieße die großzügige Landschaft. Jetzt bin ich doch sehr froh, nicht den Seeweg benutzt zu haben, denn die tausendfachen Eindrücke dieser Überlandfahrt wiegen die kleinen Unannehmlichkeiten vielfach auf.

     Weiter im Norden wird die Gegend wieder gebirgiger, und die Besiedlung dichter. Erst in der Dämmerung erreichen wir die Vororte von Rio, und volle zwei Stunden lang fahren wir durch die sich weit ins Land hinein ausdehnenden Stadtteile. Und dann tauchen wir in die Lichterfülle der Riesenstadt, die nunmehr gründlich kennenzulernen ich äußerst gespannt bin.

     Eine lange Reihe Hoteldiener steht auch hier wartend auf dem Bahnhof und empfängt die Reisenden. An dem Mützenrand des einen lese ich „Hotel Suisso", und in der Annahme, dass es sich um ein deutsches Hotel „Schweiz" handeln könnte, übergebe ich mein Gepäck.

     Bevor wir losfahren, schaltet der Chauffeur die Zähluhr aus.

     „Warum denn das?" frage ich.

      Die Uhr sei kaputt, dolmetscht er durch Zeichen, sie sei unbrauchbar, aber ich kenne diese Burschen und ihre Tricks nun schon zur Genüge. Ein Ausländer muss geschröpft werden, das ist der nützliche Brauch so, denn wozu sind die Fremden sonst da? Die Fahrt ins Hotel kostet denn auch fünfzehn Milreis.

     „Jawohl, mein Herr, bei uns spricht man deutsch", antwortet die Frau des Hotelwirtes auf meine Frage. Sie ist sicherlich Jüdin, während ihr Mann Engländer oder Skandinavier sein mag (Das war üblich, einen "Juden" sofort zu identifizieren, um sich vor seinen "negativen" Eigenschaften zu "schützen").

     „Sagen Sie," fragt unvermittelt die Wirtin, „Sie sind sicher Deutscher, was halten Sie von Hitler?"

     Aber ich habe, so verstaubt, müde und hungrig, keine Lust zu politischen Gesprächen und antworte kurz:

     „Hitler? Ein Prachtkerl ist das!"(Eigentlich hätte Quiring Hitler 1936 bereits differenzierter sehen können: Dieser hatte schon 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen und 1935 die Nürnberger Rassengesetze „zum Schutz des deutschen Blutes“ erlassen; Juden wurden systematisch diskriminiert und durften weder an Hochschulen unterrichten noch in staatlichen Institutionen arbeiten. Bei ihm überwog jedoch die Tendenz, Hitler zu loben – nicht zuletzt, weil die deutsche Propaganda diesen als „Retter des Deutschtums“ vor dem gottlosen Kommunismus inszenierte und manche Mennoniten, ähnlich wie das NS-Regime, zu antisemitischen Einstellungen neigten.) 

     „Nein," fährt die Jüdin auf, „wir, die deutsche Kolonie in Rio, lehnen ihn ab..."

     „Deutsche Kolonie ist gut," antworte ich, „aber wollen Sie mir jetzt doch lieber mein Zimmer zeigen lassen."

     Überall in der ganzen Welt dasselbe Bild: der jüdische Kleinkampf gegen das verhasste Deutschland. Keine einzige Gelegenheit lässt der Jude (Er schafft es nicht einzusehen, dass NICHT alle Juden gleich sind), wie gesagt, vorübergehen, auch die kleinste nicht, dem gefährlichen Deutschland eines zu versetzen.

     Aber die beste Verteidigung ist bekanntlich immer der Angriff, und ich benutze gleichfalls jede sich bietende Gelegenheit, um über Kommunismus und Judentum aufzuklären. Solcher Kleinkampf ist keineswegs nutzlos, und mit der Zeit summiert sich die so angelegte Kraft doch zu stärkster Wirkung.

      Ich hoffe, am anderen Tage ein deutsches Hotel zu finden.

      Wie ein großes wunderschönes Geschenk empfinde ich diesen zweiwöchigen Aufenthalt in der Prachtstadt Rio. Mein Hotel liegt an einem gepflegten Park nicht weit vom Strand, dessen schäumende Brandung gedämpft herübertönt. Ein klarer, sonniger Tag ist es, und jetzt kann ich meine Reise sorglos genießen, da ich nun nicht mehr jeden Augenblick an mein Arbeitsziel zu denken brauche.

     Langsam gehe ich den Strand aufwärts der erwähnten Prachtstraße Rios, der Rio Branco, zu. Nicht weit vom Hafen stoße ich zufällig auf das nordamerikanische Konsulat, und gehe hinein. Zwar habe ich noch viel Zeit, aber es ist doch möglich, dass ich Visumsschwierigkeiten bekomme, da in meinem Pass als Geburtsort Russland angegeben ist. Aber anstandslos erhalte ich das Besuchsvisum und habe nur ganze 30 Cents zu bezahlen. Zehn Dollar, die bei der Einreise in New York zu hinterlegen sind, werden bei der Ausreise wieder zurückgezahlt.

     Nachdem ich noch bei der Munsonlinie vorgesprochen und auch Geld gewechselt habe, mache ich mich auf den Weg zu einem mennonitischen Großkaufmann aus Hamburg, Friedrich Arentz, an den man mich aus Witmarsum empfohlen hat. Der ehemalige Leiter jener Ansiedlungen, Heinrich Martins, hat mir einen Brief an Arentz mitgegeben.

     Das Büro der Firma liegt in der Hauptstraße, und ich habe es bald gefunden. Im Fahrstuhl fällt mir auf, dass die mitfahrenden Herren die Hüte abnehmen, als eine Dame einsteigt. Dass ich das nicht tue, scheint unangenehm vermerkt zu werden. Aber ich kann mir aus der Beobachtung keinen Vers machen. Erst später erfahre ich, dass es in Brasilien selbstverständliche Anstandspflicht ist, in Gegenwart einer Dame den Hut abzunehmen.

     Herr Arentz ist gerade abwesend, und ich muss etwa eine halbe Stunde auf ihn warten. Endlich sehe ich ihn eintreten, einen mittelgroßen, etwa fünfzigjährigen Mann.

     „Aus Witmarsum kommen Sie?" fragt Herr Arentz erstaunt und liest dann aufmerksam den Brief von Martins.

     „So, nun kenne ich Sie schon. Selbstverständlich sind Sie unser Gast und wohnen auch in unserem Haus."

      Aber ich befürchte eine Beeinträchtigung meiner Freiheit und eine unbequeme Abhängigkeit und lehne dankend ab. Jedoch Herr Arentz schneidet alle meine Einwendungen rundweg ab und bedeutet mir in sehr liebenswürdiger Weise, dass sie mich mit Bestimmtheit erwarten.

      Ich kaufe mir einen deutschen Brasilienführer, lege mir einen Plan zurecht und beginne die Stadt nach allen Richtungen zu durchwandern.

      Als ich zum Mittagessen in mein Hotel zurückkomme, sagt mir der Pförtner, dass jemand angerufen habe. „Wahrscheinlich Herr Arentz," denke ich, und gehe in den Speisesaal hinüber.

     Meine Wirtin begrüßt mich mit gemachter Freundlichkeit und führt mich durch den geschmackvoll ausgestatteten Speisesaal in einen fast leeren Nebenraum, wo sie mir an der Küchentür einen Platz anweist, an einem Tisch, an dem sich Küchenmädchen und Kellner ununterbrochen vorbeidrängen müssen.

     Dachte ich mir's doch, dass die Wirtin versuchen würde, den Deutschen irgendwie zu schikanieren.

      „Wenn Sie keinen besseren Platz haben," sage ich und wende mich zum Gehen, „verzichte ich natürlich auf Ihr Mittagsessen..."

     „Aber bittschön, Herr Doktor, ich wollte ja gerade Sie hier in meiner Nähe haben, um Sie besonders gut bedienen zu können."

     Aber da entdeckt sie doch noch einen freien Platz im Speisesaal und ordnet an, dass dieser für mich freigehalten werde.

     Unterdessen ist Herr Arentz selber dagewesen und hat seine Karte abgegeben, aber ich ziehe vor, von der angegebenen Fernsprechnummer keinen Gebrauch zu machen.

 „Der Bote" Mittwoch, den 9. Dezember

 

     Am späten Nachmittag gehe ich in ein benachbartes Kino, wo gerade ein deutscher Film läuft. Leider ist es wertloser Kitsch, der da dem Publikum vorgesetzt wird, und nach einer Viertelstunde gehe ich wieder hinaus. Es ist kein Wunder, dass man das eigentliche Deutschland nicht kennt, wenn dem ausländischen Publikum solche Ausschussware vorgesetzt wird. Und dabei haben wir im Reich eine Unmenge ausgezeichneter und künstlerisch wertvoller Filme.

     Als ich abends in mein Zimmer komme und die Tür kaum hinter mir Zugemacht habe, klopft es, und auf mein „Herein" tritt Herr Arentz ein. Das ist eine nicht unbedingt angenehme Lage: ich bin beschämt und überwältigt von soviel Güte.

     Arentz kommt mich abzuholen. Draußen wartet seine Frau und einer der erwachsenen Söhne im Wagen. So hilft denn gar kein Sträuben mehr.

     Wir fahren die wundervolle, hellerleuchtete Strandpromenade entlang. Unzählige Spaziergänger bummeln auf der breiten Uferstraße. Hochauf spritzen die Wogen der Brandung und fegen ihre Spritzer manchmal bis weit in die engen Reihen der Spaziergänger hinein. Die Wagenkolonne, in der wir eingekeilt sind, ist so dicht, dass wir uns nur wie im Schritt vorwärts bewegen können.

     Nun kann ich die Einladung nicht mehr gut ablehnen, und wir verabreden, dass mich der junge Herr Arentz am anderen Morgen abholen werde. Beim Begleichen der Hotelrechnung mache ich zum soundsovielten Male in Südamerika die Erfahrung, dass man dem abreisenden Gast gern eine oder zwei Nächte zuviel anrechnet. Weigert sich der Fremde mit dem nötigen Nachdruck, die unberechtigte Mehrforderung zu bezahlen, so wird sie stillschweigend, meist aber mit einer großmütigen Geste gestrichen.

     Arentz wohnen in einem hochgelegenen ruhigen Stadtteil in einem schmucken, kleinen Palast. In dem terrassenförmig angelegten Garten lacht eine Blumenpracht an, wie sie nur die Tropensonne hervorzuzaubern vermag.

     Bald sehe ich, dass ich der Familie Arentz sehr Unrecht getan habe. Ihre Gastfreundschaft ist so herzlich und so ungezwungen, dass ich mich in meinem eigenen Hause kaum wohler fühlen und freier bewegen könnte.

     Auch in den Privathäusern in Südamerika ist die Kost unvergleichlich viel üppiger als etwa in gleichen Kreisen in Deutschland. Bei keiner Mahlzeit fehlen hier auf dem Tisch die schwarzen Bohnen, das Nationalgericht der Brasilianer. Den ganzen Tag steht auch eine Glasschale angefüllt mit prachtvollem Obst auf dem Tisch.

     Sehr bald weiß ich, dass ich die Schönheiten der Stadt ohne die kundige Führung meiner neuen Freunde niemals so gut hätte kennenlernen. Unser erster Ausflug am Vormittag eines Feiertages führt uns in ein hochgelegenes katholisches Kloster Penha, etwa 30 km von Rio entfernt. 365 Stufen führen zu dem Kloster hinauf, und ich sehe verschiedene Menschen — Männer und Frauen — die Stufen auf den Knien hinaufrutschen oder kriechen. Das soll ein sicheres Mittel sein z. B. für alte Jungfern, so glauben die Brasilianer, einen Mann zu bekommen, und für die Männer ihren Weg im Fegefeuer abzukürzen oder irgendein Vergehen zu büßen.

     Die Familie Arentz ist rührend bemüht, mir alle die Schönheiten ihrer herrlichen Stadt zu vermitteln. Eine viele Kilometer weite Autofahrt am Strand entlang, die wundervolle Avenida Niemeyer aufwärts, eine Dampferfahrt auf die verträumte Insel Paqueta, die „Insel der Verlobten", und ein anderer Ausflug auf den hohen Bergkegel vor Rio, den „Zuckerhut", bilden die Höhepunkte dieser durchsonnten Tage.

     Das Schönste aber habe ich mir doch bis zuletzt aufgespart: die Besteigung des eingangs erwähnten höchsten Berges um Rio, des Christusberges, des Corcovado. Am Tage vor meiner Abreise ruft Frau Arentz die Bergstation an und erkundigt sich nach der Aussicht. Aber oben regnet es leider, und von der Stadt sei so gut wie gar nichts zu sehen, sagt man.

     Aber am nächsten Tage, meinem letzten in Rio, habe ich doch noch Glück. Wir haben völlig klare Sicht, und ich breche sofort nach dem Mittagessen auf. Die beiden steilen Wagen der aufwärtsführenden Drahtseilbahn sind voll besetzt. Mir geht die Fahrt viel zu langsam; ich fürchte, es könnte im letzten Augenblick oben doch noch neblig werden. Doch das schöne Wetter hält sich, auch in dieser Höhe. Und da sind wir endlich auch am Ziel.

     Was sich hier oben meinen hungrigen Blicken auftut, ist so schön, dass es alles von mir bis dahin jemals Geschaute weit, weit in den Schatten stellt. Die ganze riesengroße Bucht mit den vielen Inseln sehe ich vor mir ausgebreitet, den Hafen, die kleinen Spielzeugschiffe, die Kriegsflotte und das Gewimmel der unzähligen Kutter, Motorboote und Barkassen. Und rings um den Christusberg liegt in den Tälern und an den Hängen zerstreut die Stadt.

     Vorn, weit hinter der Bucht, steilt das Orgelgebirge mit dem hoch ragenden „Finger Gottes", während von der anderen Seite der unermessliche Ozean herüberblaut. Und über allem liegt diese die Seele erfüllende Feiertagsstimmung, hervorgerufen durch das farbenprächtige in Sonne getauchte Bild. Segnend breitet der Marmorchristus seine Arme aus über diese einzigartige Stadt, die Wunderperle Südamerikas.

     Viel zu bald ertönt das Zeichen zur Abfahrt. Aber ich habe alle Ursache mich zu beeilen, denn bis zur Abfahrt der „Western World" sind nur noch zwei Stunden.

     Die Familie Arentz begleitet mich an den Hafen. Es sind noch zehn Minuten bis zur Abfahrt, als wir dort eintreffen. Ich lasse mir meine Kabine zeigen und die Koffer hinüberschaffen und gehe wieder hinaus vor das Schiff. Aber da trifft man auch schon Anstalten, die Treppe einzuziehen. Herzlich umarmen wir uns nach brasilianischer Sitte, und ich eile aufs Schiff, das sich sofort vom Pier zu lösen beginnt. Bald legt es sich in der breiten Fahrrinne zurecht, verabschiedet die Schleppdampfer mit einem Sirenengruß und beginnt mit eigener Kraft zu schwimmen.

     Arentz stehen noch lange am Ufer, bis ich sie kaum mehr unterscheiden kann, dann ein letztes Hüteschwenken, und Brasilien, das von der Natur bevorzugte, liegt mit alldem, was es mir an Schönem geschenkt hat, hinter uns. Hoffentlich nicht für immer.

 „Der Bote" Mittwoch, den 16. Dezember

Fortsetzung folgt




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